Abiturrede der Schulleiterin Frau Richter für den Abiturjahrgang 2011
am Edith-Stein-Gymnasium Bretten
     

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

liebe Eltern, Kolleginnen und Kollegen,

verehrte Gäste,

für euch, liebe Abiturientinnen und Abiturienten geht heute ein Lebensabschnitt zuende. Ihr seid zusammen mit euren Mitschülerinnen und Mitschülern, Lehrerinnen und Lehrern meistenteils am Edith-Stein-Gymnasium in den letzten 9 Jahren aufgewachsen und erwachsen geworden. Nun bekommt ihr den Schlüssel (zeigen) zu eurem Glück – weit draußen in der Welt oder auch hier in der vertrauten Umgebung. Mit dem deutschen Reifezeugnis, welches auch in der EU einen hohen stellenwert hat, wird euch quittiert, dass ihr eine sehr gute Allgemeinbildung und viele Schlüsselqualifikationen erworben habt, um ein akademisches Studium oder eine anspruchsvolle Ausbildung absolvieren und dann im Beruf bestehen und Verantwortung – bestenfalls Führungsaufgaben übernehmen zu können.

Ihr habt es geschafft und darauf sind wir zusammen mit euren Eltern sehr stolz!

Wir entlassen euch als gebildete Menschen, aber auch als mündige Bürger, die aufgrund ihrer politischen und humanistischen Bildung nicht nur Nachwuchs für die Wirtschaft, sondern auch mit zur geistigen Elite unserer Gesellschaft weiter heranreifen sollen.

Eure Ausbildung dauert im Schnitt von der Grundschule bis zum Eintritt in das Berufsleben nach einem Studium ca. 20 Jahre und kostet den Staat hundert Tausende von Euro.


Ein Realschüler tritt nach seinem 15.Lebensjahr als Lehrling in den Beruf ein und zahlt in der Regel nach 3 Jahren Lohnsteuer und Sozialabgaben. Von dem Gehalt eines Ingenieurs wird er ein Leben lang träumen, wenn er sein Glück nicht in der Selbstständigkeit erfolgreich findet.

„Wenn die Welt gerettet werden kann, dann nur von den Widerspenstigen“ – dieses Zitat des Schriftstellers André Gid werde ich euch mit dem Abiturzeugnis auf den Weg geben.


Er erschien mir nach den Ereignissen in den vergangenen Monaten wichtig für alle, wichtig aber ganz besonders auch für euch, die ihr in Zukunft als Wähler, politisch Aktive, Entscheidungsträger in Entscheidungsträger in Staat und Wirtschaft sein werdet.

Es hat einer schrecklichen atomaren Katastrophe bedurft, damit viele von uns aufgewacht sind, die es sich im Wohlstand bequem gemacht und in die Idylle des Privaten zurückgezogen hatten – man hat gewählt, was man immer gewählt hat, als Wähler seine Macht in blindem Vertrauen oder aus purer Resignation an diejenigen delegiert, die ihre Sache schon gut machen werden, weil sie doch schon so lange an der Regierung sind und es uns noch immer sehr gut geht. Seitr Stuttgart 21 und erst recht nach Fukushima gibt es plötzlich ganz viele Widerspenstige quer durch alle Altersgruppen – und sie alle wollen die Welt retten, nicht aus Idealismus, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass diese Chancen der Rettung stündlich kleiner, wenn nicht schnell zu einem radikalen Bewusstseinswandel kommt, wir aus unserer Lethargie erwachen, aktiv mitdenken, uns unserer Verantwortung bewusst werden und Einspruch erheben, nicht nur gegen Atomenergie, Bahnprojekte oder Bildungspolitik, sondern auch gegen unseren bisherigen Lebensstil, der sinnlose Verschwendung von Ressourcen für mehr Spaß, Kick, Komfort und Prestige bedeutet. Sind wir dadurch alle glücklicher, zufriedener, umgänglicher und sozialer? Das Gegenteil ist der Fall, wie wir alle wissen, weil es immer schwerer wird, sich den vielen Zwängen, denen wir ausgesetzt sind, zu widersetzen. Auch deshalb ist die Kultivierung des Widerspenstigen wichtig, denn man kann auch nur sich selbst retten in dieser Welt des Massenkonsums, wenn man sich dem Trend widersetzt und Verzicht übt, nicht weil man es muss, sondern weil man es will, um zu sich selbst und zu den ureigensten Bedürfnissen zu finden, die vor allem anderen befriedigt sein müssen, um Glück und Zufriedenheit im Leben finden zu können.

Ein Blick in die Geschichte der Aufklärung zeigt, dass es immer die Widerspenstigen waren, welche bestehende Missstände nicht akzeptiert haben, weil sie sich der Natur- und Menschrechte sehr bewusst waren und den Mut hatten dafür zu kämpfen und auch zu sterben.

Die gegenwärtigen Oppositionsbewegungen in den arabischen Ländern zeigen, dass es diese Menschen überall gibt und Freiheit das höchste Gut weltweit ist.
“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!“
Was Immanuel Kant 1784 als Wahlspruch der Aufklärung formuliert und in seinem berühmten Aufsatz weiter ausgeführt hat, ist für alle Zeiten gültig. Ich wünsche mir, dass ihr als Abiturientinnen und Abiturienten des Edith-Stein-Gymnasiums diesen Wahlspruch Kants so verinnerlicht, dass er zum Kompass eures Denkens und Handelns wird.

In dieser Weise belehrt können wir euch gut gerüstet entlassen und freuen uns, wenn ihr uns dann berichten werdet, wie es euch draußen in der Welt ergangen ist.

Ich wünsche allen noch einen wunderschönen Abiball!

 
Edith-Stein- Gymnasium Bretten, Breitenbachweg 15, 75015 Bretten, Tel: 07252/ 95 18 - 0, Fax: 07252/ 95 18 50, edith@esg.ka.schule-bw.de